Interview mit Eric Holst (Teil 2): Blockchains im Energiehandel

Blockchains sind nicht nur für die Finanzwelt interessant, sondern haben auch das Potential den Energiehandel zu revolutionieren. Insbesondere kleine dezentrale Produzenten, die auf erneuerbare Energiequellen setzen, können davon profitieren. Wie? Das erklärt Eric Holst im zweiten Teil unseres Interviews. Außerdem werfen wir mit ihm einen Blick in die Zukunft der Blockchain-Technologie.

 

>>Hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

 

Beim Handel von Energie, insbesondere aus dezentralen erneuerbaren Energiequellen, soll die Blockchain-Technologie auch neue Möglichkeiten bieten. Kannst Du uns das erklären?

Genau, Blockchain hängt nicht nur bezüglich der Stromrechnung mit Energiefragen zusammen, sondern auch im Hinblick darauf, dass es das Rückgrat für dezentrale Energiequellen sein kann. Nicht nur sind derzeitige Energiequellen nur als Einbahnstraßen konzipiert, die Topdown von den zentralen Kraftwerken zu den Konsumenten führen, sondern sie stellen auch Prosumer schlecht. Dass sind diejenigen Hausbesitzer oder Bauern, welche die Sonnenseite ihrer Dächer oder Ställe mit Solaranlagen bestücken, um autark vom Stromnetz zu sein. Da sie vermutlich nicht so viel Strom verbrauchen wie sie an einen sonnigen Tagen erzeugen, könnten sie eigentlich Strom an ihre Nachbarn verkaufen.

Doch hier erscheint es absurd, dass sie praktisch kein Kabel über den Zaun reichen können, um ihre ganze Nachbarschaft zu versorgen. Stattdessen müssen sie ihren Strom über die Netzbetreiber führen, welche diesen jedoch zu schlechten Konditionen abkaufen und im Pool von Grau- und Grünstrom nicht gesondert weiterleiten können, auch wenn es den Netzbetreibern zu danken ist, dass sie die komplizierten Lastensteuerung verwalten. Ohne sie geht derzeit gar nichts.

Mit Blockchain können wir es uns nun anders vorstellen und es könnte die nächste Killer-App sein, die wir nach Kryptowährungen sehen. Derzeit werden in Europa überall Smart-Meter verbaut und diese sind der Dreh-und-Angelpunkt, wenn diese an eine Strom-Chain angeschlossen sind. Statt die Verwaltung über Netzbetreiber zu machen, würde eine Stromhandelsplattform die Einspeisungen der Prosumer in Echtzeit darstellen und mit der Konsumentennachfrage verbinden, die Smart-Meter der Konsumenten würden eine Strombestellung beim Prosumer einreichen und diese Bestell-Transaktion würde auf der Blockchain gespeichert. Abgewickelt würde die Zahlung mit einer eigenen Kryptowährung, nennen wir sie SolarCoin, welche zum Beispiel 1 KWh entspricht. Da sich diese Coins ins tausendfache zerteilen lassen können, ließe sich bedarfsgerecht Strom bestellen und wieder abbestellen.

Das ließe sich vielleicht auch mit den Verwaltungssystemen von Netzbetreibern durchführen, doch sie sind nicht profitabel genug, um es wirtschaftlich zu betreiben. Hier werden sie von einer Blockchain-Lösung geschlagen!

Denken wir mal weiter. Smart Contracts, dass sind programmierte Transaktionen, ließe sich zugleich noch die Befolgung von Regularien, Steuererklärung und Auditierung einprogrammieren, so dass zum Beispiel die Mehrwertsteuer direkt abgeführt würde, Nachverfolgbarkeit von Stromfressern beweisen oder Strom aus grünen Quellen bevorzugt bestellbar machen.

In Kombination mit der Amortisierung von Solaranlagen und der Verwaltung durch Blockchains, könnte Strom bald eines Tages nahezu kostenlos werden, wobei sich Stromkonzerne oder Netzbetreiber mehr in Anbieter von Smart-Micro-Grids entwickeln und sich mehr als Instandhalter betätigen. Spannend sind die Chancen für lokale Energieerzeuger, denn sie könnten direkt in ihrer Kommune solch eine Blockchain-Lösung starten, ohne von hohen Hürden abgehalten zu werden.

 

Wie sieht die Zukunft aus? Bedeutet Blockchain die nächste technische Revolution oder handelt es sich nur um einen kurzfristigen Trend?

Die Frage höre ich häufig und wir müssen bei all den schönen Visionen realistisch bleiben. Fakt ist, dass Bitcoin bereits seit 2009 ohne große Hacks glatt läuft. Klar gab es die sogenannten Forks, wo sich die Chain abspaltet. Oder Hacks von Handelsplattformen oder Programmierfehler, welche ausgenutzt werden konnten, doch die Communities sind sehr antifragil und lernen aus allen Fehlschlägen dazu.

Derzeit wirkt es wie eine Nischentechnologie, doch das wird nur von kurzer Dauer sein, denn die soziale Skalierbarkeit, dass heißt die Anzahl der möglichen Nutzer, ist immens und theoretisch durch jeden Menschen auf der Welt zu gebrauchen. Das komplexe Kryptowährungs-Universum wird sich in den nächsten Jahren noch konsolidieren und Blockchain wird noch weiter reifen, sowie Nutzerfreundlicher werden.

Als Querschnittstechnologie ist Blockchain nicht nur für eine Industrie spannend in der Nutzung, aber auch gefährlich in deren kreativen Zerstörung. Denn es fordert ein Umdenken für manch erfolgreichen Mittelsmann von Dienstleistungen, beispielsweise Vermittlerplattformen wie Autoverleih oder Airbnb-ähnliche Startups in der Shareconomy. Auch Unternehmen die auf ihre Reputation bauen, wie Banken oder Notare, werden durch die Vertrauenslose-Blockchain ersetzt. Wenn diese nicht ihre eigenen Kompetenzen weiterentwickeln, sehe ich sie eher auf der Verliererseite.

Auf der Gewinnerseite sehe ich all diejenigen, welche sich die Werte von Dezentralität, Open-Innovation und Peer-to-Peer zu Nutze machen. Damit meine ich, dass die Unternehmensgrenzen zur Community und Konsumenten nahezu verschwindet und man sich gegenseitig in der Entwicklung von Produkten und Services anregt. Besonders Dezentralität, ob das die Speicherung von Daten, die Verteilung von Rechenpower oder ebenjene Produktentwicklung, ist ein Kernelement von Blockchain.

Es gibt Projekte wie „IPFS“ (Interplanetary File System“), welche sogenanntes Fog-Storage ermöglichen, dass heißt, dass Daten nicht mehr auf einzelnen Serverfarmen gelagert werden, sondern auf jedem Speichermedium, ob Handy, Laptop, Großrechenzentrum oder Auto, gesichert werden können. Das ist hervorragend, um Datenverlust vorzubeugen. Oder das Startup Somn, welche Fog-Computing anbieten. Ähnlich wie Fog-Storage wird nicht zentral gerechnet, sondern auf allen Akteuren, welche gerade Rechenpower und Speicherplatz übrig haben. Die NASA macht das seit Jahren, doch bisher unentgeltlich. Es erinnert mich an ein Airbnb für ungenutzte Ressourcen, in unserem Fall Rechenpower und Speicherplatz. Wenn dahinter eine Blockchain gelegt wird, welche die Abrechnung erledigt, kann ich für jedes Byte und Ram ein Einkommen beziehen.

Vielleicht sehen wir bald ein komplettes Ökosystem von der Solaranlage bis hin zum Speicher, welche den eigenen Server im Keller versorgt, worüber gemined wird. Alte Festplatten und Computer laufen ebenfalls weiter und dienen dem Fog-Computer/Storage als Lagerplatz. Und all diese Geräte schaffen passives Einkommen nebenbei. Ich bin verhalten optimistisch, doch ich freue mich auf die weitere Entwicklung in diesem Bereich.

 

 

Eric Holst ist Blockchain Experte und Product Owner des Blockchain Institutes bei der KI-Decentralized in Köln.